Das Weglassen von 'che' in der umgangssprachlichen Rede (Italienisch)
C1Einführung: Was bedeutet das Weglassen von 'che'?
In der gesprochenen italienischen Sprache gibt es ein häufiges Phänomen: das Weglassen des Wortes 'che', das in der Standardsprache oft als Konnektor (Komplementierer) ‚dass‘ oder als Relativpronomen ‚das/dass‘ fungiert. Im Deutschen ist ‚dass‘ meist erforderlich; im Italienischen dagegen ist das ‚che‘ in vielen Fällen fakultativ – besonders in der Umgangssprache.
Kurz: "Weglassen von 'che'" bedeutet, dass Sprecher die Konjunktion 'che', die Nebensätze einleitet, weglassen und trotzdem einen grammatischen und verständlichen Satz bilden, z. B.:
- Italienisch: Penso che sia giusto. → häufig gesprochen: Penso sia giusto. (Deutsch: Ich denke, dass es richtig ist. / Ich denke, es ist richtig.)
Was ist 'che' genau?
'Che' hat mehrere Funktionen:
- Komplementierer (dass): leitet einen Nebensatz ein, z. B. "Penso che venga".
- Relativpronomen (der/die/das): verbindet Nomen mit Relativsatz, z. B. "La casa che ho comprato".
- Frage-/Ausrufe‑Wort oder Füllwort in Redewendungen (hier nicht gemeint).
Wichtig: Das Weglassen betrifft in erster Linie 'che' als Komplementierer. Als Relativpronomen ist 'che' in der Regel nicht wegzulassen (siehe unten).
Wann wird 'che' häufig weggelassen?
In der Umgangssprache ist das Weglassen besonders in folgenden Kontexten verbreitet. Es ist meist gesprochen und in informellen Texten (Chats, Transkripte) zu finden.
- Penso che sia giusto. → Penso sia giusto. (Ich denke, dass es richtig ist.)
- Credo che Maria abbia ragione. → Credo Maria abbia ragione. (Ich glaube, Maria hat Recht.)
- Ritengo che questa sia la soluzione migliore. → Ritengo questa sia la soluzione migliore. (Ich halte das für die beste Lösung.)
- Spero che tu venga stasera. → Spero tu venga stasera. (Ich hoffe, du kommst heute Abend.)
- Vorrei che tu venissi con noi. → Vorrei tu venissi con noi. (Ich würde mir wünschen, dass du mit uns kommst.)
- È possibile che sia in ritardo. → È possibile sia in ritardo. (Es ist möglich, dass er zu spät ist.)
- È importante che i bambini imparino. → È importante i bambini imparino. (Es ist wichtig, dass die Kinder lernen.)
- Temo che non sia vero. → Temo non sia vero. (Ich fürchte, es ist nicht wahr.)
- Dubito che lui dica la verità. → Dubito lui dica la verità. (Ich bezweifle, dass er die Wahrheit sagt.)
- Pensavo che fosse già partito. → Pensavo fosse già partito. (Ich dachte, er wäre schon weggefahren.)
- Credevo che saremmo arrivati in tempo. → Credevo saremmo arrivati in tempo. (Ich glaubte, wir würden pünktlich ankommen.)
- Mi ha detto che non poteva venire. → (colloquiale) Mi ha detto non poteva venire. (Er hat mir gesagt, dass er nicht kommen konnte.)
Wann darf man 'che' nicht weglassen (oder sollte es nicht weglassen)?
- La casa che ho comprato è vecchia. (Das Haus, das ich gekauft habe, ist alt.) → *La casa ho comprato È un Fehler. (Nicht standard.)
- Il fatto è che non abbiamo soldi. → *Il fatto è non abbiamo soldi (ist unnatürlich).
- La verità è che... (auch in der Umgangssprache bleibt das 'che' normalerweise stehen.)
- So che Marco parte domani. (Klar: Ich weiß, dass Marco morgen abreist.)
- So Marco parte domani. (kann ungewöhnlich oder missverständlich klingen und wird deshalb in der Standardsprache vermieden.)
Wie beeinflusst das Weglassen die Verbformen (Indikativ vs. Konjunktiv)?
Wichtig: Das Weglassen von 'che' ändert grundsätzlich nicht die grammatischen Anforderungen an Modus und Tempus. Ob im Nebensatz Indikativ oder Konjunktiv steht, hängt von der Bedeutung (Wissen, Meinung, Wunsch, Zweifel) des Hauptsatzverbs ab – nicht davon, ob 'che' vorhanden ist.
Beispiele:
- Spero che tu venga. → Spero tu venga. (Konjunktiv bleibt: venGA.)
- So che lui è arrivato. → In der Standardsprache: So che lui è arrivato. (Indikativ bleibt: è arrivato.)
Hinweis: Manche Sprecher verwenden in stärker umgangssprachlichen Varianten andere Formen (z. B. Indikativ statt Konjunktiv), aber das ist eine separate Tendenz (Konjunktivverfall) und nicht automatisch durch das Weglassen von 'che' verursacht.
Prosodie, Pausen und Schriftsprache
- Prosodie: In der gesprochenen Sprache wird das Weglassen oft durch eine leichte Pause oder veränderte Intonation kompensiert. Beispiel: "Penso (Pause) sia giusto."
- Schriftsprache: In formellem Schreiben sollte man in der Regel 'che' beibehalten. Das Weglassen wirkt formell oft unidiomatisch.
- Informelle Schrift (Chats, SMS): Das Weglassen findet sich häufig, ist aber umgangssprachlich.
Register und regionale Unterschiede
- Register: Omitting 'che' ist typisch für die Umgangssprache, für schnelle, spontane Rede und für informelle schriftliche Kommunikation.
- Regionalität: Die Frequenz variiert nach Sprecher, Alter und Region; insgesamt ist das Phänomen landesweit verbreitet, aber stark kontextabhängig.
Wann solltest du als Lernende/r 'che' benutzen? Praktische Tipps
- Im Zweifel: Behalte 'che'. Es ist neutral, korrekt und in allen Registern sicher.
- Formelles Schreiben/Prüfungen: Immer 'che' verwenden.
- Gesprochene Umgangssprache: Du kannst 'che' weglassen, besonders nach Verben wie pensare, credere, sperare, temere, e imperativ‑/impersonalen Ausdrücken, wenn du natürlich klingen willst.
- Relativsätze & feste Ausdrücke: Nicht weglassen.
- Wenn Weglassen zu Unklarheit führt: lieber nicht weglassen.
Umfassende Beispielsammlung nach Kategorien (Italienisch → Deutsch)
- Penso che sia giusto. → Penso sia giusto. (Ich denke, dass es richtig ist.)
- Credo che Marco sia a casa. → Credo Marco sia a casa. (Ich glaube, Marco ist zu Hause.)
- Non penso che questo funzioni. → Non penso questo funzioni. (Ich glaube nicht, dass das funktioniert.)
- Spero che tu venga stasera. → Spero tu venga stasera. (Ich hoffe, du kommst heute Abend.)
- Vorrei che tu mi aiutassi. → Vorrei tu mi aiutassi. (Ich würde mir wünschen, dass du mir hilfst.)
- Temo che non sia così. → Temo non sia così. (Ich fürchte, es ist nicht so.)
- Dubito che lui dica la verità. → Dubito lui dica la verità. (Ich bezweifle, dass er die Wahrheit sagt.)
- È possibile che pioverà. → È possibile pioverà. (Es ist möglich, dass es regnen wird.)
- È importante che partecipiate. → È importante partecipiate. (Es ist wichtig, dass ihr teilnehmt.)
- Pensavo che fosse già partito. → Pensavo fosse già partito. (Ich dachte, er sei schon weggegangen.)
- Credevo che saremmo arrivati prima. → Credevo saremmo arrivati prima. (Ich dachte, wir würden früher ankommen.)
- Mi ha detto che non poteva venire. → (colloquiale) Mi ha detto non poteva venire. (Er hat mir gesagt, dass er nicht kommen konnte.)
- La donna che ho incontrato è tua zia. (Die Frau, die ich getroffen habe, ist deine Tante.) → *La donna ho incontrato (ist ungrammatisch).
- Il fatto è che non abbiamo soldi. (Die Sache ist die, dass wir kein Geld haben.) → *Il fatto è non abbiamo soldi (unnatürlich).
- Mi sembra che ci sia un problema. → Mi sembra ci sia un problema. (Es scheint mir, dass es ein Problem gibt.)
- Sapevo che non potevo fidarmi. → Sapevo non potevo fidarmi. (Ich wusste, dass ich mich nicht verlassen konnte.)
- Ha detto che arriverà presto. → (colloquiale) Ha detto arriverà presto. (Er sagte, er kommt bald.)
Häufige Fehler / Fallen für Lernende
- Fehler 1: 'che' in Relativsätzen weglassen. (Nicht zulässig in Standardsprache.)
- Fehler 2: In formellen Texten 'che' weglassen und dadurch unnatürlich klingen.
- Fehler 3: Weglassen, wo dadurch der Nebensatz als eigenständiger Hauptsatz gelesen werden könnte (Missverständnis).
- Fehler 4: Verwechslung mit anderen Strukturen: manche Konstruktionen verlangen 'di' + Infinitiv (z. B. "Penso di avere ragione") – das ist ein anderes Phänomen.
Kurz-Checkliste für korrektes Verhalten
- Schreibformell? → 'che' benutzen.
- Umgangssprache / gesprochene Rede / schnell sprechen? → Weglassen oft möglich (vor allem nach pensare, credere, sperare, temere, impersonal Ausdrücken).
- Relativsatz oder feste Wendung? → 'che' nicht weglassen.
- Unsicher wegen Mehrdeutigkeit? → 'che' beibehalten.
Glossar (kurz)
- Komplementierer: Bindewort, das einen Nebensatz einleitet (ital. 'che' ≈ dt. 'dass').
- Relativpronomen: Wort, das ein Nomen mit einem Relativsatz verbindet (ital. 'che' ≈ dt. 'der/die/das').
- Indikativ: Wirklichkeitsform (normale Aussageform).
- Konjunktiv (ital. congiuntivo): Möglichkeitsform, oft nach Wünschen, Zweifeln, Meinungen.
- Register: Sprachstil (formell ↔ informell).
Wenn du willst, kann ich zu speziellen Verben oder Regionen detailliertere Listen mit Beispielen zusammenstellen (z. B. nur Beispiele mit "pensare/credere" oder typischen Formen in Rom oder Neapel).